Alle sprechen über die documenta fifteen, keiner redet über die Kunst

Nachdem die diesjährige documenta schon im Vorfeld zu allerhand Spekulationen Anlass gegeben hat, überschlagen sich nun die Kommentare, scharfe Kritik und Vorwürfe gegenüber den Organisatoren und Verantwortlichen dominieren jedes Gespräch, jeden Bericht über die documenta. Die Kunst, die reichlich vertreten ist, scheint darüber gänzlich unterzugehen. Dabei bietet gerade diese ein umfassendes und abwechslungsreiches Programm. Die in den verschiedenen Künstlerkollektiven aktiven Künstler werden sich im Verlaufe der 100 Tage documenta ablösen und dabei jeweils neue Positionen eröffnen.

Tolookat wird den Wechsel über den Verlauf der documenta hin verfolgen und über die künstlerischen Positionen berichten. Ein erster Blick gilt Nino Bulling, der in der Hafenstraße seine neuste Graphic Novel Abfackeln vorstellt. (siehe hier auf tolookat / Rubrik Bücher)

Sheree Domingo: Ferngespräch – eine Graphic Novel

Eigentlich bedarf die Graphic Novel keiner weiteren Erläuterungen, ist doch diese besondere, auf Bilder basierte Weise des Erzählens weit verbreitet. Die Bezeichnung geht auf Will Eisner zurück, dessen 1978 erschienenes Buch Ein Vertrag mit Gott. Miethausgeschichten als eine der ersten Graphic Novels gilt. Vorläufer haben Graphic Novels allerdings im Comic Strip. Doch waren Comics anfänglich für Zeitungen konzipiert und entsprechend in ihrem Umfang wie auch in ihrem Format von den an die Zeitung gestellten Anforderungen bestimmt, sind Graphic Novels von Anbeginn an auf ihr Erscheinen in Buchform hin angelegt. Entsprechend wird auch der Umfang einer Graphic Novel vom Autor und/oder Zeichner bestimmt. Allerdings sind Graphic Novels nicht notwendig eine Gemeinschaftsarbeit. Im Gegenteil liegen Text und Zeichnung oft in einer Hand, so auch bei Will Eisners Ein Vertrag mit Gott.

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Nino Bulling: abfackeln – Eine Graphic Novel

Gut zwei Wochen vor Eröffnung der documenta fifteen liegt mit Abfackeln eine neue Graphic Novel von Nino Bulling vor. Das Buch erscheint zwar zu Bullings Ausstellung an der documenta fifteen, bedarf aber mit Sicherheit nicht des Rahmens der Großausstellung in Kassel. Denn das Thema von Bulling ist hochaktuell, erfasst seine Darstellung doch eine von Trans*Identität bestimmte Paarbeziehung, die sich mit weiteren Paarkonstellationen überkreuzen. In Bullings Buch steht das Beziehungsgefüge also im Umfeld von Persönlichkeitsfragen, wie sie in LGBTQ (jüngst LGBTQ A+) Gemeinschaften diskutiert werden. Die Folgen von Buchstaben bezeichnet die verschiedenen Möglichkeiten, die eigene Persönlichkeit jenseits einer Beschränkung auf Heterosexualität zu bestimmen.

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Cholin 100. Eine Werkauswahl in 3 Teilen

Die Rezeption einiger vergessener Dichter aus der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts erfolgte nach 1990 allmählich. Bekannt wurden Namen, die im Stalinismus systematisch ausgelöscht worden waren und darüber mehr oder weniger in Vergessenheit geraten waren, darunter Daniil Charms, Aleksandr VVedenski oder Vsevolod Nekrasov. Weniger Beachtung fanden im Zuge der Neuentdeckung andere, wie Genrich Sapgir oder Igor Cholin. Letztere gehörten einem Kreis an, der als Lianosovogruppe, der zu Sowjetzeiten eine kleine Gruppe von Literaten und Künstler umfasste, die sich in dem unweit Moskaus gelegenen Ort Lianosovo im Umkreis von Oskar Rabin zusammenfanden.

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Peter Weiss. Abschied von den Eltern

Kammerspiel Frankfurt

„Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung.“ So beginnt Peter Weiss seine 1962 begonnene, 1963 erstmals beim Suhrkamp Verlag erschienene Erzählung Abschied von den Eltern, die auf ihre Weise eine Hommage an die Eltern scheint, tatsächlich aber eine Auseinandersetzung mit dem eigen Ich ist. Die analytische Aufarbeitung der Vergangenheit, die dann im Weiteren den Inhalt bestimmt, greift einer wenige Jahre später fast schon zur Mode werdenden Praktik voraus: der aktive Gebrauch von psychoanalytischen und psychotherapeutischen Methoden.

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Margret und Christine Wertheim Werte und Wandel der Korallen

Museum Frieder Burda, Baden-Baden
29. Januar bis 26. Juni 2022

Margaret and Christine Wertheim and the Institute For Figuring,
Red Nudibranch Reef, 2022 Photo © IFF by Rebecca Rickman

In farbenprächtigen Installationen breiten sich im gesamten Museum Korallenriffe aus, in denen alle Formen und Varianten vorkommen, die Korallen wohl aufweisen können und auf den ersten Blick scheint nichts die musealen Riffe von jenen zu unterscheiden, die sich Tauchern in küstennahen, vornehmlich den sonnendurchfluteten Gewässern in der Nähe des Äquators bieten. Doch treten Korallen nicht nur in tropische, sondern fast mehr noch in kalten Gewässern auf. Bis zu einer Tiefe von über 3.000 Meter breiten sie sich in ihrer geheimnisvollen Pracht aus. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen in den Tropen, die auf eine Symbiose mit Algen angewiesen sind, ernähren sich die Kaltwasserkorallen von kleinen Lebewesen. Gemeinsam ist den an unterschiedlichen Orten auftretenden Korallen jedoch die Vielfalt an Formen und Farben. Manche erscheinen wie Blüten, andere wie besondere Baumarten.

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My Mind‘s Eye

© Zülküf Kurt

Die Fotoausstellung „My Mind‘s Eye“  des amerikanischen Fotografen  Peter Fink (1907-1984) ist im Fotografie Forum bis zum 16. Januar 2022 zu sehen und hat seit ihrer Eröffnung die Aufmerksamkeit von Fotoliebhabern auf sich gezogen.

Die hier ausgestellten Arbeiten besteht in  Schwarz-Weiß- Fotos, die  Peter Fink seit 1970 auf seinen Reisen durch die Welt anfertigte. Festgehalten hat er unter anderem Motive aus  Japan, Frankreich, Portugal, Amerika und Nordafrika.

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Yuri Albert – Elitär-demokratische Kunst

Ausstellungskatalog, hrsg. von Sandra Frimmel und Sabine Hänsgen Texte (dt.) von Yuri Albert und mit Beiträgen von Dorothee Bienert, Frank Frangenberg, Georg Witte und ein Epilog der Herausgeberinnen 344 S. mit 190 farbigen Abbildungen, Format, 24 x 17,5 cm, Steifbroschur mit Leinenrücken
© Yuri Albert

Viola Hildebrand-Schat

Nachdem mit Mauerfall und offiziellem Ende des Kalten Krieges in westlichen Ländern im Zuge einer „Gorbi-Euphorie“ an verschiedenen Orten Ausstellungen zur russischen Kunst stattgefunden haben, ist es nun ruhig um die zeitgenössische russische Kunstszene geworden. Die Aufmerksamkeit, die von westlicher Seite einer lange übersehenen Entwicklung zu Teil wurde, ist abgeebbt, bevor es überhaupt zu tieferen Einblicken kommen konnte. Auch wenn Ausstellungen wie Moskau-Berlin/Berlin Moskau im Martin Gropius Bau in Berlin oder die zur nonkonformen Kunst in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt erste Einblick lieferten, ist damit noch lange nicht der Vielfalt der nachstalinistischen Kunst entsprochen.

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