Autoren im Ausnahmezustand. Die tschechische und russische Populärkultur

Mit seiner 2017 erschienen Untersuchung zum „anderen Osteuropa“ fasst Tomáš Glanc die allgemein als Samisdat bezeichneten außerhalb der staatlichen Genehmigung erschienenen Publikationen der osteuropäischen Länder näher in den Blick, wobei er sich auf die Sowjetunion und die Tschechoslowakei konzentriert. Die beiden zwar als kommunistisch zu bezeichnenden, aber dennoch unterschiedlichen Systeme können als exemplarisch für die Entwicklungen im Bereich der inoffiziellen Kultur gelten. So umreißt Glanc zum einen das weite Spektrum dessen, was unter Samisdat fällt, zum anderen kehrt er auch die Unterschiede hervor. Sie treten eklatant bei den Samisdatkulturen der verschiedenen osteuropäischen Länder hervor, zeigen sich aber auch schon innerhalb eines Landes.

Der Samisdat ist ein Phänomen der Länder mit repressiven politischen Systemen, was sich insbesondere im kulturellen Leben bemerkbar machen. Der Samisdat umfasst nicht nur schriftliche, sondern auch künstlerische Erzeugnisse, versammelt Politisches und Literarisches bis hin zu Experimentellem; und die im Samisdat Tätigen besetzen höchst unterschiedliche Positionen im öffentlichen, halböffentlichen und privaten Leben. Zum Teil gehören sie den obligatorischen Verbänden an und können bisweilen sogar Staatspreise vorweisen, was jedoch nicht heißt, dass sich nicht zugleich auch über massive Erfahrungen der Repression verfügen, wie Verbannung und Lagerhaft. Gerade letztere prägt laut Glanc zu einem guten Teil den literarisch-politischen Samisdat der Sowjetunion, wohingegen der tschechische Samisdat mehr spirituell geprägt ist, hier christliche und biblische Konnotationen einfließen. Der Unterschied begründet sich primär in der Dimension der repressiven Gewalt. Konnte sie in der Sowjetunion prinzipiell jeden treffen – zumindest suggerierten die willkürlichen Festnahmen vollkommene Willkür, konzentrierte sie sich in der Tschechoslowakei in erster Linie auf Personen, deren staatsablehnende Haltung bekannt war. Folglich erfassten die repressiven Maßnahmen in der Tschechoslowakei einen gemessen an der Gesamtbevölkerung kleineren Teil als in der Sowjetunion. Zur Willkürherrschaft zählte auch, dass sich die Systeme, wenn auch nicht in ihrer Grundstruktur, doch aber mit ihren Maßnahmen, schnell änderte, die Situationen zu keinem Zeitpunkt gleich waren. Was in einer Periode toleriert wurde, konnte in einer anderen drakonische Folgen haben.

Um dem heterogenen Feld Herr zu werden, untergliedert Glanc seine Darstellung in drei Teile. Im ersten sucht er die Erscheinungsformen des Samisdat nach Typen zu gliedern und das je Charakteristische aufzuzeigen, um dann im zweiten Teil nach der Vergegenwärtigung des Selbst im Samisdat, nach Formen der Selbstdarstellung zu fragen. Im dritten Teil erfolgt dann eine Verortung des Samisdat entlang von Leitlinien wie Traditionen und kulturellem Gedächtnis. Hier fließt die Verarbeitung der eigenen kulturellen Vorgeschichte ebenso ein wie die von zeitgleichen Einflüssen aus anderen Kulturen. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme, dass die osteuropäischen Länder von den Entwicklungen in den westlichen so rigoros abgeschnitten waren, dass keine Impulse von außen eindringen konnten, weist Glanc im Gegenteil auf die Bedeutung hin, die Persönlichkeiten wie John Cage oder auch Vertreter der Pop Art zeitweise für die Entwicklungen in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei hatten.

Die verschiedenen Aspekte künstlerischen, vornehmlich aber literarischen Arbeitens erläutert Glanc anhand einer Fülle von Beispielen. Auf kurze Inhaltsangaben folgen knappe Kommentare. Beides zusammen vermittelt dem Leser einen Eindruck von stilistischen und epochenprägenden Merkmalen. Eindrücklich sind hier vor allem die längeren Zitate in Originalsprache und Übersetzung. Als stilprägenden Elemente kommen unter anderem Experiment, Absurditäten, schließlich auch Formen der Grenzüberschreitung und Konzeptionen des Erzähler-Ichs zur Sprache. Unter dem Stichwort der Selbstdarstellung werden nicht nur typisierende Ausgestaltungen wie egomanischer oder unheroischer Autor erfasst, sondern vor allem den verschiedenen Ausprägungen des Samisdat breiter Raum gegeben. Notwendig finden hier Erfahrungen von Gegenwart wie vor allem auch das Nachwirken der Vergangenheit, vor allem mit Blick auf die je individuelle Position, Eingang.

Der Schwerpunkt von Glancs Darstellung liegt bei Texten, mithin literarischen Erzeugnissen. Künstlerische Ausdrucksformen werden hauptsächlich dort erwähnt, wo sie mit der Textarbeit untrennbar verbunden sind. Zu jedem Punkt liefert Glanc Beispiele sowohl aus der russischen wie aus der tschechischen Szene. Doch erhellt sich aus der Gegenüberstellung wenig über die Spezifik der nationalen Ausprägung. Auch wenn immer wieder betont wird, dass die Entwicklungen in Russland und der Tschechoslowakei unterschiedlich waren, bleiben Erklärungen oder doch mögliche Gründe für die Unterschiede nahezu vollständig aus. Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, ob eine Gegenüberstellung der doch offenkundig unterschiedlichen Entwicklungen überhaupt einen Mehrwert bedeutet. Von Interesse wäre eine Aufhellung über die politischen Voraussetzungen, aus denen sich im Weiteren ableiten ließe, warum in Russland die Literatur eine andere Ausgestaltung erhielt als in der Tschechoslowakei. Nicht weniger interessant wäre zu erfahren, inwieweit sich die beiden Kulturen wechselseitig beförderten. Ein Vergleich von russischer und tschechoslowakischer Situation legt immerhin nahe, dass es Bezüge gab und dass sie nicht belanglos waren. Doch welche Rolle spielte für den tschechischen Samisdat die russische Seite und welche Wirkungen gingen von den Tschechen aus? Gab es über die Kontakte, die Natalja Ablakova und Anatolij Žigalov seit Anfang der 1980er Jahre pflegten, oder die schon 1967 erfolgte Reise, die Chapuleckýs als offizielles Delegationsmitglied nach Moskau und Leningrad unternahm, hinaus weitere Anbindungen, und wenn, welche Konsequenzen zeigten sie? Was konnten Ablakova und Žigalov in ihren Kreisen vermitteln und wie wurden die Erfahrungen Chapuleckýs in der Tschechoslowakei aufgenommen? Blieb der durch Chapulecký angestoßene Austausch singulär oder zog er weitere Kontakte nach sich? Sicher sind die einzelnen Begegnungen als Zeiterscheinungen zu werten, die vom schnell wechselnden politischen Klima abhingen und sich deshalb nicht dauerhaft stabil gestalten konnten. Brüche und Leerstellen erscheinen unabdingbar.

Von den nur kurz zur Sprache gebrachten Leerstellen abgesehen erweisen sich die Beschreibungen der einzelnen Szenen als ausgesprochen informativ. Der Leser erfährt viel über die einzelnen Gruppierungen und Künstlerpersönlichkeiten. Auch über die Herausbildung eines „eigenen Westens“ innerhalb des Samisdat wird berichtet, so über die dort zirkulierende Literatur aus dem Westen, wenn auch hier Fragen offenbleiben, etwa ob es sich bei den in Umlauf kommenden Werken um Zufälle handelte oder ob eine strukturierte Auswahl zugrunde gelegt wurde. Interessant zu erfahren wäre weiterhin, wie die entsprechende Literatur in die interessierten Kreise gelangen und dort zirkulieren konnte. Sicher war das Kontrollsystem nicht zu allen Zeiten gleich dicht, brachte bisweilen Lockerungen mit, die einen regelrechten Liberalismus nach sich ziehen konnte. Doch ist auch allgemein bekannt, dass dieser selten von Dauer war. Umso wichtiger wären also an dieser Stelle Jahreszahlen, konkretere Informationen über die Zirkulationsprinzipien verbotener Literatur. Rezipiert wurde beispielsweise auch Literatur aus dem ostasiatischen Raum, hier vor allem zur Spiritualität wie Buddhismus, Taoismus, Sufismus, die von kommunistischer Warte aus besonders reizvoll erschienen, versprachen sie doch Einblick in andere Denkformen als die offiziellen verbunden mit Alternativen zu gängigen Lebensformen.

Anregungen liefert Glanc Publikation weiterhin über ein umfangreiches Literaturverzeichnis und das Namensregister, dem die Protagonisten der beiden Szenen zu entnehmen sind. Eingestreute Abbildungen regen an, in die visuellen Erscheinungsformen des Samisdat weiter einzudringen.

Der Sinn der Corona-Krise

Die Corona-Krise hat uns alle mitgenommen, auf unterschiedliche Art und Weise und an unterschiedlichen Stellen,.

Bodo Janssen, seit 2005 Geschäftsführer der Upstalsboom-Gruppe, steht nicht nur einer Kette von Hotels und Ferienwohnungsanlagen vor, sondern führt aber auch Managementkurse in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach durch und schreibt Bücher. In seinem aktuellen, auf der Spiegel-Bestseller-Liste gerankten Buch berichtet er darüber, „dass nicht jede Krise einen Sinn hat, aber wir jeder Krise einen Sinn geben können.“

Wie dies für Bodo Janssen in der Corona-Krise aussieht, und was davon für andere anwendbar ist mehr im Video:  

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Die weibliche Seite Gottes. Kunst und Ritual

GEBETBUCH (MACHSOR), 1300–1330, Handschrift auf Pergament, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Signatur: Cod. Levy 37

Sofern überhaupt noch über Religion, religiöse und kultische Bräuche nachgedacht wird, sind sie durchweg patriarchal ausgerichtet, also auf eine als männlich vorgestellte Gottheit hin. Der patriarchale Gott beherrscht die großen Religionen wie das Judentum, das Christentum und den Islam. Dem gegen über tritt schnell in Vergessenheit, dass Religion, Glauben und männliche Gottheit keine notwendige Einheit bilden, dass es vielmehr auch Religionen gab, denen eine Göttin vorstand. Ebenso ist wenig oder gar nicht bewusst, dass dem männlichen Gott immer ein weiblicher Anteil eigen ist. Auf diesen Aspekt unter anderem führte die Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt hin, deren Inhalte dauerhaft in einem ebenso umfangreichen wie eindrücklichen Katalog fixiert sind.

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Chr. K. Jso Maeder. Journal um eine Erwartung

„Journal“ lässt auf eine Aufzeichnung schließen, eine Dokumentation gar, welcher Art auch immer… Tatsächlich handelt es sich beim Journal um eine Erwartung um ein Buch, hinter dem offenkundig eine doppelte Autorschaft steht, zieht man das an die Stelle des Autorennamens gestellte Kürzel Chr. K. mit dem Zusatz Jso Maeder in Betracht. Doch leicht macht es der, machen es die Autoren dem Leser nicht. Das Journal um eine Erwartung umfasst ein dichtes Konglomerat aus Texten und Zeichnungen, von der Struktur einem Comic oder einer Graphic Novel ähnlich, jedoch ohne eine konkrete Handlungsabfolge, einen Erzählstrang oder überhaupt einen stringenten Verlauf erkennen zu geben.

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Janina Kugel It’s now. Leben, Führen, Arbeiten. Spiegel Bestseller 2021

Janina Kugel war Personalleiterin für Siemens Italien und Personalvorstand bei Siemens von 2015 bis 2020. Nun hat sie ein Buch geschrieben, beschreibt die Berufswelt aus der Sicht des HR-Topmanagements und möchte Mut für Veränderungen machen. Wie gelungen, wie lesenswert ist das Ergebnis? Hier meine Einschätzung – schon vorab: Ich denke, nicht alle Teile des Buches zeigen die gleiche Qualität.

Silvie und Chérif Defraoui: Archive der Zukunft

Als „Archives du future“ bezeichnen die beiden Künstler Silvie und Chérif Defraoui ihre gemeinsame Arbeit, lassen dabei aber jede weitere Spezifizierung offen. Einem breiteren Publikum bekannt geworden ist das Künstlerduo spätestens durch seine Teilnahme an der documenta 9 in Kassel, wo sie ihre Auseinandersetzung mit Fragmentierung und der Erkennbarkeit des Ganzen im Fragment zur Disposition stellten.

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Pavel Pepperstein. Die Auferstehung Pablo Picassos im Jahr 3111 / Возрождение ПаблоПикассо в 3111 году

Herausgegeben von Matthias Haldmann, anlässlich der Ausstellung im Kunsthaus Zug, 26. Februar bis 21 März 2017, erschienen bei ciconia ciconia, Berlin 2017

Viola Hildebrand-Schat

Im Kunsthaus Zug ist der der zweiten Generation der Moskauer Konzeptualisten zugehörende Pavel Pepperstein seit langem eingeführt. Seit 1998 agiert er als „Gastgeber“ für Künstlerkollegen. Zwischen 1998 und 2002 lud er zu Ausstellungen wie Binokel und Monokel (1998), Vater und Sohn. Viktor Pivovarov und Pavel Pepperstein (1999), Mozes. Die Künstlergruppe Russia (2000), Die Ausstellung eines Gesprächs. Ilya Kabakov und Boris Groys (2001) sowie Traum und Museum ein. Die Ausstellungen mit ihren unterschiedlichen Gästen verbindet ein dialogisches Element. So sind nicht nur alle Ausstellungen als eine Art Dialog zwischen Pepperstein und den von ihm geladenen Künstlern oder Wissenschaftlern zu verstehen, sondern ebenso als einer, der die Besucher unmittelbar einbindet.

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