Arthur Miller: Blick von der Brücke

Schauspiel Frankfurt

Arthur Millers Einakter hatte 1955 in New York seine Uraufführung, eine deutsche Erstaufführung folgte 1956 im Schloßtheater in Berlin. Die vom Autor vorgestellte Handlung vollzieht sich in einiger Distanz zum Zuschauer, der auf die New Yorker Brooklyn Bridge versetzt wird, darüber gleichsam eine Überschau erhält. Miller stand nicht nur in dieser Hinsicht bei der Abfassung seines Stücks der Ablauf einer griechischen Tragödie vor Augen, sondern ebenso beim Handlungsverlauf: die Handlung in seinem Stück liefe mit gleicher Unausweichlichkeit auf die Zerstörung zu wie in einer griechischen Tragödie.

Indes ist das Geschehen in die Gegenwart Millers gesetzt, Ort ist ein Mietshaus im Hafenviertel, der Handlungsverlauf entfaltet sich aus einem komplexen Beziehungsgeflecht, im Grunde eine Eifersuchtsgeschichte, in deren Zentrum das aus Sizilien eingewanderte Ehepaar Eddie und Beatrice Carbone steht. Sie haben ihre verwaiste Nichte Catherine aufgezogen, die bereits in den USA geboren ist. Zu ihr fasst Eddie eine Zuneigung, die über väterliche Empfindungen hinausgehen und ihn dazu veranlasst, sein Mündel in allen Freiheiten einzuschränken. Die Situation eskaliert, als die beiden Cousins von Eddies Frau Beatrice aus Sizilien – Marco und Rodolpho – als illegale Einwanderer nach New York kommen. Rodolphe, der jüngere der beiden, verliebt sich Catherine, wie auch umgekehrt, Catherine in Rodolphe. Damit entfachen die beiden die Eifersucht von Eddie, der alle Möglichkeiten mobilisiert, sie auseinander zu bringen. Er geht sogar so weit, die beiden illegal in New York lebenden Sizilianer bei der Ausländerbehörde anzuzeigen. Nach ihrer Verhaftung wendet sich Catherine von ihrem Ziehvater vollständig ab. Dem Anwalt Alfieri, in der Frankfurter Aufführung durch eine Anwältin ersetzt, gespielt von Heidi Ecks, der bereits von Eddie kontaktiert wurde, um die Ehe zwischen Catherine und Rodolpho zu verhindern, gelingt es, die beiden Sizilianer gegen Kaution aus dem Gefängnis auszulösen. Marco bleibt eine kurze Frist, bevor er endgültig nach Sizilien zurückreisen muss, während Rodolpho die Ehe mit Catherine vor der Ausweisung bewahren wird. Als Eddie eines Tages in trunkenem Zustand nach Hause kommt und Catherine und Rodolpho in eindeutigem Zusammensein antrifft verliert er die Kontrolle über sich und es kommt zu einem tätlichen Übergriff, bei dem letztendlich Eddie tödlich verwundet wird.

Im „Blick von der Brücke“ laufen mehrere Themen zusammen, die schon vor Miller von hoher Brisanz waren und die nach wie vor von äußerster Aktualität sind. Das ist zum einen die Verhandlung von Emigration und Toleranz des Einwanderers als Arbeitskraft und neuem Staatsbürger, das ist zum anderen das konfliktbeladene Verhältnis zwischen den Generationen, die ihre je eigenen Standpunkte und Sichtweisen vertreten. Im Falle von Eddie, Beatrice und Catherine kommt noch das innerfamiliäre Drama hinzu, dass mit einer wechselseitigen Entfremdung der Eheleute wie auch ihrem Verhältnis zu der von ihnen an Kindesstatt angenommenen Tochter Catherine besteht. Eigentlich könnte das Hinzutreten von Marco und Rodolpho, den beiden aus Sizilien illegal eingewanderten Verwandten, die Auflösung des Konflikts herbeiführen. Doch tatsächlich wird er mir ihrem Kommen überhaupt erst eklatant – zum einen, weil einfach die Situation sich zunächst kaum merklich, dann aber immer deutlicher angespannt hat, zum anderen, weil mit Rodolpho Eddie ein konkreter Anlass gegeben ist, sich seiner Empfindungen voll und ganz bewusst zu werden. Rodolpho, der seinem Interesse an Catherine deutlichen Ausdruck verleiht, wird für Eddie zum Konkurrenten.

Foto: Birgit Hupfeld

Doch wie gelingt es, die von außen, nämlich von der Brücke aus betrachteten Geschehnisse auf der Bühne darzustellen? Natürlich kann der Blick von der Brücke metaphorisch genommen werden und tatsächlich verbindet die Frankfurter Inszenierung die Ebenen. Der Blick von außen bzw. von der Brücke liegt ganz bei den Theaterbesuchern, während die Bühne die verschiedenen Handlungsverläufe auf einer Ebene zusammenführt. Das geschieht durch ein mehr oder weniger neutrales Spielfeld, einer Anordnung von kniehohen Wällen. Während des Spielverlaufs werden sie wiederholt gegeneinander verschoben, ohne dabei jedoch explizit Räume zu bezeichnen. Vielmehr werden lose die Aktionsradien der einzelnen Protagonisten angedeutet, die sich immer wieder ineinander verschränken, um dann an der einen oder anderen Stelle auseinander zu driften. Visuelle Anhaltspunkte liefern vor allem die Kostüme der Schauspieler, die soziales Milieu, Tätigkeitsfeld und individuelle Haltung andeuten. Am deutlichsten wird es in dem leuchtend grünen Shirt von Catherine, das sie unter einem ärmelfreien braunen Kleid trägt, dazu hochhakige Sandalen im gleichen Grün wie das Shirt. In dieser Bekleidung deutet sich ein Aufbruch in gleich mehrerlei Hinsicht an: der Abgang von der Schule, um eine lukrative Arbeitsstelle anzutreten, und der Abschied von der Kindheit und den Jugendjahren, um als junge Frau ins Leben einzutreten, was zugleich mit einer Ablösung vom Elternhaus verbunden ist. Catherines zukunftsfrohes Auftreten kontrastiert mit den gleichförmigen Tagesabläufen ihrer Zieheltern. Eddies Alltag besteht in der Arbeit im Hafen, der seiner Frau in der Sorge für Haushalt und Familie. Dem etablierten Leben der Familie steht die ungewisse Existenz der beiden Emigranten Marco und Rodolpho gegenüber, der der eine mit Arbeitseifer begegnet, der andere mit Lebenslust. So unterschiedlich wie in ihrer Lebensweise sind die beiden auch in ihrem Auftreten. Marcos Ernsthaftigkeit signalisiert der braune schlichte Anzug, Rodolphos Künstlernatur die legere, von hellen Farben bestimmte Kleidung.

Foto: Birgit Hupfeld

Der vergleichsweise geringe Zeitrahmen, in dem sich die Handlung abspielt – wenige Wochen nur – spiegelt sich in der über den Spielverlauf hin mehr oder weniger unveränderten Bühnenausstattung und den gleichbleibenden Kostümen. Lediglich im Brautschleier, den Beatrice Catherine bringt, deutet sich das Fortschreiten der Zeit an. Catherine steht kurz vor ihrer Hochzeit mit Rodolpho. Eine zeitliche Dimension macht sich weiterhin im Auftreten der Anwältin bemerkbar, die gleich in mehreren Rollen in Erscheinung tritt. So begleitet sie den Verlauf als eine Erzählerin, die auf das Geschehen hinführt und am Schluss in einer Art Rückschau Eddies Wesen zusammenfasst. Zwischenzeitlich tritt sie in ihrer Rolle als Rechtsberaterin, zugleich aber auch als persönliche Beraterin auf. Mit ihrem Auftreten verleiht sie dem Stück einen festen Rahmen, der das Geschehen zeitlich zusammenhält und doch noch auf eine Zukunft für die Verbleibenden hoffen lässt.

Foto: Birgit Hupfeld

BESETZUNG
André Meyer (Eddie Carbone)
Christina Geiße (Beatrice Carbone)
Nina Wolf (Catherine)
Omar El-Saeidi (Marco)
Arash Nayebbandi (Rodolpho)
Heidi Ecks (Mrs Alfieri, Anwältin)
Statisterie (Zwei Beamte der Einwanderungsbehörde)

Regie: Eric de Vroedt
Bühne: Dennis Vanderbroeck
Kostüm: Lotte Goos
Mitarbeit Kostüm: Katharina Kraatz
Musik: Remco de Jong & Florentijn Boddendijk
Stunt Coach: René Lay
Dramaturgie: Alexander Leiffheidt
Licht: Marcel Heyde

Zeit für Zeugen

Junges Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit dem Historischen Museum Frankfurt

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen überliefern Geschichte lebendig, individuell und vor allem aus eigener Erfahrung. Zugegebenermaßen ist Zeitzeugenschaft subjektiv, doch gerade damit ergänzt sie die offizielle Geschichtsschreibung kongenial. Und gleichzeitig wirft sie die Frage auf, was eigentlich die offizielle Geschichte ist. Längst ist bekannt, dass die offiziellen Quellen keineswegs objektiv sind oder vielmehr, dass Objektivität nur für einzelne Standpunkte gelten an. Aber Standpunkte und damit Sichtweisen gibt es viel.

Foto: Felix Grünschloß

Das Team des Jungen Schauspiels Frankfurts hätte keinen besseren Ort für das Stück wählen können, als das Historische Museum und hier die die Ausstellung Zeitzeugenschaft? Ein Erinnerungslabor (die noch bis zum 4. Mai 2025 besucht werden kann) und die Bibliothek der Generationen (die zu den permanenten Einrichtungen des Museums gehört). Die Ausstellung stellt in Videos mit Gesprächen mit Überlebenden der Shoah Zeitzeugen vor und weist zugleich darauf hin, dass 80 Jahre nach Kriegsende die Zeugen dieser Periode kaum mehr selbst befragt werden können. Ihre Zeugenschaft bewahrt sich übermittelt, in Briefen, Aufzeichnungen, Videoaufzeichnungen. Und sie wiederum sind Teil der Bibliothek der Generationen. Bei der Bibliothek der Generationen handelt es sich um eine interaktive Installation der 1943 in Oslo geborenen Künstler Sigrid Sigurdsson. Sie ist selbst eine Zeitzeugin. Und die Geschehnisse in ihrem unmittelbaren Umfeld bilden den Hintergrund und den Ansporn für die Einrichtung sogenannter offener Archive. Die Bibliothek der Generationen ist ein solches offenes Archiv. Etabliert wurde es um die Jahrtausendwende, zu diesem Zeitpunkt noch unter der Bezeichnung „Bibliothek der Generationen“. Aufgerufen waren Zeitzeugen des Nationalsozialismus mit ihren Erinnerungen Archivschachteln oder Bücher zu befüllen. Als Gegenstand der aktuellen Bibliothek der Generationen sind sie frei zugänglich und dürfen an bestimmten Tagen unter Aufsicht von Interessierten eingesehen werden. In einer für ein Museum einzigartigen Weise ist es den Besuchern erlaubt, die Archivschachteln zu öffnen, die Aufzeichnungen in die Hand zu nehmen, zu lesen, zu betrachten und in die Erinnerungen von Zeitzeugen einzutauchen.

Inzwischen sind auf die Zeitzeugen der ersten Hälfte des 20, Jahrhunderts weitere Zeitzeugen gefolgt, die über ganz andere und doch wieder ähnliche Geschehnisse Zeugnis ablegen. Krieg und Flucht, Emigration und der Versuch, sich an einem neuen Ort, in einem fremden Staat, in einer fremden Stadt einzurichten, prägen die Erfahrungen. Und nicht nur der „Alten“, sondern auch junger Leute, Kindern und Jugendlichen. Auch sie finden Aufnahme im offenen Archiv im Historischen Museum in Frankfurt, dass inzwischen seine Bezeichnung angepasst hat.

Die Bibliothek der Generationen bildet nun also die Kulisse für Zeit für Zeugen. Das Junge Schauspiel war eingeladen, im Vorfeld im offenen Archiv wie auch der Ausgangpunkt Ende der Zeitzeugenschaft? zu forschen. Die Ergebnisse werden nun im Rahmen einer schauspielerischen Intervention einem breiteren Publikum präsentiert. Von höchst unterschiedlichen Standpunkten aus werden in den Blick genommen Familiengeschichten, Diktaturerfahrungen, Bildungswege, politische Kämpfe, Migration und der Umgang mit Krisen.

Foto: Felix Grünschloß

Ein Team von zehn Schauspielern geht der Zeitzeugenschaft nach, fragt, worin diese besteht und warum sie so wichtig ist. Eine Antwort schwingt bereits in der konkreten Aufführung mit, bei der nur acht Schauspieler anstelle der zehn zugegen sind. Die Abwesenheit spricht für sich, drückt mehr aus, als es Worte könnten. Die Abwesenheit wird zugleich aber auch von den Schauspielern, die zugegen sind, thematisiert. Ausdruck erhält sie unter anderem durch die wiederholte Äußerung „Immer wieder verschwinden Menschen. Ich möchte nicht, dass Menschen verloren gehen.“ Reflektiert werden eigenen Erfahrungen. Sie werden mit den Informationen von den Zeitzeugen zusammengeführt. Den Zuschauern werden die Überlegungen, die Auseinandersetzung mit einem hoch komplexen Thema in einer vielstimmigen Performance nahegebracht. Das Ensemble, das in seiner Zusammensetzung die Vielfalt von Kulturen und Schicksalen repräsentiert, vermittelt, warum die Erzählungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für uns heute relevant sind und Lebensgeschichten weitererzählt werden sollen. Während der Aufführung bewegen sich Schauspieler und Publikum durch die Ausstellung. Stellenweise teilt sich das Team und mit ihm die Zuschauer, um getrennt den Darbietungen zu folgen. Verloren geht dabei aber niemanden etwas von der Aufführung, denn im Anschluss an Szene bewegen sich die beiden Zuschauergruppen zu der Position, der sie nicht gefolgt sind. Die Schauspieler wiederholen ihr Spiel. Die Bewegung durch den Raum vermittelt zugleich, was es bedeutet, dazu zu gehören. Schließlich muss man sich an den Stellen, an denen sich das Team teilt, entscheiden, welchem Part man folgt. Und im Anschluss an die Aufführung bietet Martina Droste die Gelegenheit für Fragen.

TEAM
Konzept und Regie: Martina Droste
Kostüme: Anna Sünkel
Musik: Max Mahlert
Chorische Einstudierung: Christina Lutz

BESETZUNG
Pia Ackfeld, Isabella Beebe, Liam Belgorodski, Felix Brößler, Kayleigh Hornbostel, Lillo Hoursch, Livia Jarnagin, Lenz Leuenroth, Abdul Noorzei, Yevheniia Posmitieva

Goethes Drama „Faust“ in zwei Teilen an einem Abend im Schauspiel Frankfurt

Johann Wolfgang von Goethes Drama „Faust“ gilt als eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur und hat entsprechend seit seiner Fertigstellung zahlreiche Inszenierungen erlebt. Vorrang erhielt dabei eindeutig der erste Teil des Dramas, erwies er sich doch aufgrund seiner Inhalte als weit zugänglicher, als der symbolisch aufgeladene und äußerst voraussetzungsreiche zweite Teil.

Foto: Thomas Aurin

Der erste, 1808 von Goethe fertiggestellte Teil zeichnet am Beispiel des Universalgelehrten Heinrich Faust das Bild eines unermüdlich nach Wissen strebenden Menschen. Aus Überdruss am Studium wie auch im verzweifelten Ringen um Erkenntnis geht er schließlich einen Pakt mit dem Teufel ein, der in der Gestalt des Mephisto und von Faust selbst herbeigerufen die Studierstube des Gelehrten betritt. Im weiteren Verlauf des Dramas entspannt sich Faustens Verhältnis zu der ehrsamen, sehr jungen und vom Leben unberührten Margarete, genannt Gretchen. Sie gibt Faust die Gelegenheit, sich als charmanter Liebhaber zu zeigen, nicht zuletzt dank seiner Verjüngung mit Hilfe des Teufels. So ist die sich nun entspannende Tragödie eine Konsequenz von Faustens Allianz treibt Gretchen ins Verderben, während es Faust scheinbar unberührt vom moralischer Zwiespalt angesichts der universellen Fragen nach Schuld, Verantwortung und Erlösung lässt.

Fokussiert der erste Teil grundlegende Fragen der Menschheit am Beispiel von Individuen erweitert der zweite, von Goethe rund 30 Jahre später fertiggestellte und der Öffentlichkeit vorgestellte Teil das Drama hin auf grundlegende gesellschaftspolitische und philosophische Aspekte. Fausts Streben wird hier zum Sinnbild wirtschaftlichen Fortschritts mit dem Anspruch auf Macht und Reichtum. Der Verlauf der äußerst komplexen und von zahlreichen Anspielungen auf Volksglauben und Mythologie getragenen Handlung erfolgt im Zusammenspiel mit zahlreichen Ortswechseln, die Faust und Mephisto über den Brocken im Harz in die griechische Antike führen. Es ist eine Reise durch Raum und Zeit, in der mythologische, politische und ästhetische Motive in einer Weise zusammenfließen, dass eine eindeutige Interpretation nahezu unmöglich ist. Dieser Aspekt erklärt einerseits die lange Zurückhaltung bei der Inszenierung, liefert andererseits aber jeder Epoche das Potential einer neuen Kontextualisierung und je eigener fantastischer Ausdeutung. Eine solche mag man in der Reflektion der Zerrissenheit des modernen Menschen sehen, dessen Streben nach Erkenntnis ihn zugleich erhebt und in moralische Abgründe führt. Das Stück endet, ganz wie es Goethe in seinem Drama vorsieht, mit Faustens Erlösung.

Während nun Jan-Christoph Gockel und Claus Philipp den ersten Teil auf der Frankfurter Bühne auf eine halbe Stunde Aufführzeit verkürzen und dazu die wichtigsten Episoden komprimiert und in einer dichten Folge zum Teil einander überlagernder Bilder über Videoprojektion vorstellen, entfalten sie den zweiten Teil in einer nicht weniger lebendigen, jedoch weit ausführlicher Gegenwartbezüge aufgreifenden Weise. Die Raffung der Handlung am Beginn des Dramas gelingt. Zum einen ist der Stoff des ersten Teils von Faust hinlänglich bekannt, zum anderen unterstützen Texteinblendungen die Orientierung im Ablauf. Die Szene mit ihren Räumlichkeiten werden wie bei einer Regieanweisung auf plakatgroßen Projektionsflächen sichtbar, während gleichzeitig Projektionen Einblick gleichsam in das Innere der Handlung geben. Sie geben dem Zuschauer Gelegenheit mit Faust in Gretchens Zimmer vorzudringen, ohne das Zimmer auf der Bühne auszugestalten, sie rücken aber auch die Gesichter der Schauspieler mit ihrer ausdrucksstarken Mimik an den Zuschauer heran. So sind allein über die Projektion der Gesichter im Bühnenvordergrund wesentliche Abläufe zu verfolgen. Auch werden über die Projektionsflächen Ebenen eingespielt, die helfen, Zeit- und Raumsprünge zu überwinden.

Eine weitere Modalität Raum und Zeit zu raffen, liefert die Inszenierung einer Geisterbahn. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Erlebnisparcour und archaischem Tempelbau, auf dessen oberen Ebene die Schauspieler wie die Figuren eines Glockenspiels filieren, während der unter Teil sie auf einem kleinen Wagen ins Innere entführt, um sie nach einiger Zeit am anderen Ende wieder auf die offene Bühne zu befördern. Die gleichsam innere Erlebniswelt wird dem Zuschauer aber keineswegs vorenthalten, sondern per Projektion überlebensgroß im Bühnenvordergrund bereitgestellt. Die dem Augen viel bietende Bühnengestaltung trägt wesentlich dazu bei, den schwer zugänglichen Inhalt des zweiten Teils des Dramas lebendig und unterhaltend zu vermitteln. Selbst die eingespielten Momente eines Horrorspektakels dienen eher der Belustigung als des Erschreckens. Neben vielem anderen kann die Umsetzung des Kaiserhofs angeführt werden, die als weiteres groteskes Maskenfest inszeniert ist, das Dekadenz und Machtmissbrauch der Herrschenden hervorkehrt. Humor erhält einen wesentlichen Stellenwert in der Aufführung. In erfrischender Weise dient er der Selbstreflexion theatralischer Inszenierung ebenso wie der Neubetrachtung der von Goethe aufgerufenen großen Fragen. Nicht zuletzt wird immer wieder das Publikum direkt adressiert. So gelingt es Gockel und Philipp dem Betrachter in jeder Hinsicht in eine mitreißende Darbietung einzubinden. Beispiele sind nicht nur die inszenierten Begnungen vor dem Theater mit Passanten, sondern ebenso auch die Einladung, einer Fahrt auf der Geisterbahn zu wagen.

Foto: Thomas Aurin

Die Inszenierung der beiden Teile des Dramas im Frankfurter Schauspiel ist eine gleichermaßen bildreiche, medial und schauspielerisch kunstvoll inszeniertes Gesamtereignis, das dem alten Geheimrat Goethe, der gerade im Faust einige visionäre Neuerung vorschlägt, sicher ungemein imponiert hätte. Mit Blick auf die posthumanistische Welt nähert sich Helena als Cyborg, der meisterlich von Melanie Straub gespielt wird, als eine durch neuste Technologie zum Leben gebrachtes Wesen, das durch Programmierung auf festgelegte Reaktion eingespielt wird. Damit steht sie in krassem Kontrast zum alten Faust, der während der ganzen Aufführung lediglich als Gliederpuppe zugegen ist, die ihr Leben lediglich als einem Alter ego bezieht, dass jedoch mehr oder weniger unsichtbar oder vielmehr im Hintergrund bleibt. Wie beim Prager Puppentheater, bei dem die eigentlichen Schauspieler in schwarzen Anzügen vom dunklen Hintergrund der Bühne geschluckt werden, um die Puppen, die sie führen, umso lebendiger erscheinen zu lassen, steht auch der Faust-Puppe ein solch schwarzgekleideter Assistent bei. Tatsächlich ist seine Assistenzfunktion jedoch täuschend, denn stellenweise er als Faustens mephistophelischer Teil in Aktion. Daneben gibt es aber noch eine weitere Faust-Verkörperung, nämlich der junge Faust, gespielt von Thorsten Flassig, der nicht nur den lebensvollen, sondern auch gewissenhaften Teil Faust verkörpert. Faust ist nicht der einzige, der, wie ihm schon seine Rolle vorschreibt, mehrere Persönlichkeiten verkörpert. Auch Gretchen tritt im zweiten Teil des Dramas erneut in Erscheinung, diesmal als die die klassische Walpurgisnacht eröffnende und leitende thessalische Hexe Erichtho. Auch Mephisto, nicht weniger eindrücklich gespielt von Wolfram Koch, zeigt sich in vielen Rollen, wobei Koch, wie einst Gustav Gründgens, meisterlich ironische Distanz, subtiler Verschlagenheit und Humor zu verknüpfen versteht. Die Rollenaufspaltung nachzuvollziehen ist bei der ohnehin schon relativen Dichte an Figuren nicht immer ganz leicht. Gleichzeitig entspricht sie aber der Vielschichtigkeit des Stücks. Und diese zum Ausdruck zu bringen, dabei zugleich die unmittelbare Gegenwart einzubeziehen, ist der Frankfurter Inszenierung auf eindrückliche Weise gelungen. Wiederum sind es Videoprojektionen, die in den Außenraum führen, die Schauspieler auf dem Platz vor dem Theater im Dialog mit Passanten – zumindest vorgeblichen – zeigen, während sie im Bühnenhintergrund als Besucher der Geisterbahn live zugegen sind. Diese für Jahrmärkte typische Einrichtung ist als Motiv der Vergnügungswelt zugleich symbolischer Ausdruck für die sich gleichsam die Zeit überwindende Handlung des Faust-Dramas. Wahrt der erste Teil noch die Einheit von Raum und Zeit, löst der zweite Teil sie vollständig auf, führt Faust nicht nur in die antike Welt, sondern ebenso in die der Geister und Hexen. Eine Geisterbahn, wie man sie auf Volksfesten findet und die kurzfristig den Besucher ebenfalls in eine Welt der Geister entführt, beschreibt den Versuch, die Theaterbesucher mit einer Erfahrungswelt zu konfrontieren, wie sie den Zeitgenossen Goethes beim Lesen des Faust-Dramas vor Augen gestanden haben mag. Zugleich mag man in der Geisterbahn ein Sinnbild der inneren Zerrissenheit Fausts wie auch der Abgründigkeit seines skrupellosen Strebens nach Erkenntnis sehen.

Gebührt allein schon den schauspielerischen Leitungen volle Anerkennung, so sind nicht weniger die Bühnenausstattung und die Kostüme hervorzuheben. Die opulenten Bühnenbilder nutzen Elemente des Volks- und Jahrmarkttheaters, die die ohnehin durch Goethe vorgegebene Dichte des Dramas weiterhin visuell-ästhetisch und atmosphärisch weiter verdichten. Alles in allem verbindet die umfangreiche, abendfüllende Inszenierung der grandiose Spagat zwischen Werktreue und zeitgemäßer Bühnenästhetik. Die Aufführung macht Goethes komplexes Werk nicht nur zugänglich, sondern eröffnet neue Perspektiven auf die zeitlosen Themen von Schuld, Streben und Erlösung. Die Inszenierung wahrt die zentrale Botschaft des Originals, bringt sie aber kurzweilig, angereichert mit zahlreichen Anleihen bei der Popkultur und medial überzeugenden Bildverschränkungen auf die Bühne. Gleichzeitig aber bietet sie mit neuen Sichtweisen und hält neue Betrachtungsweise des gesamten Stoffs bereit.

BESETZUNG
Torsten Flassig (Der junge Faust)
Wolfram Koch (Mephisto)
Lotte Schubert (Margarethe später thessalische Hexe)
Andreas Vögler (Wagner)
Melanie Straub (Helena / Kaiser)
Christoph Pütthoff (Kanzler)
Caroline Dietrich, Anabel Möbius (Euphorion)
Mark Tumba, Patrick Bimazubute (Valentin)
Michael Pietsch (Chor der Insekten)
Roman Fischer, Edeltrud Thobe, Lieselotte Schweikhardt, Wolfgang Schreiber (Philemon und Baucis)
Thomas Moschny (Herold)
Eike Zuleeg (Live-Kamera)

TEAM
Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne: Julia Kurzweg
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik & Hörspiel: Matthias Grübel
Video: Eike Zuleeg
Puppenbau: Michael Pietsch
Dramaturgie: Claus Philipp, Katrin Spira
Licht: Marcel Heyde

Künstlerbuch oder Künstlerpublikation? Lia und Dan Perjovschi. Autodrawings und Endless Collection, Kunsthalle Göppingen 2003

Viola Hildebrand-Schat 

Dan Perjovschi ist spätestens seit der 48. Biennale 1999 in Venedig und der documenta fifteen 2022 in Kassel einem breiten Publikum durch seine Zeichnungen im öffentlichen Raum bekannt – Wortgebilde im wahrsten Sinne, semiotische Verflechtungen aus verbal- und bildsprachlichen Zeichen. Die Darstellungen gleichen in ihrer Einfachheit schnell auf Hauswände gesprühten Slogans, greifen aber mit Witz und Anspielungen weiter. Auf einfachste Formen, zumeist Konturen reduziert erscheinen sie allgemein verständlich, sind gleichwohl aber voller Anspielungen, nicht zuletzt solchen, die aus Buchstaben- oder Silbenumstellungen wie auch der Verknüpfung von Bild- und Textzeichen resultieren. Mit dieser scheinbar einfachen und zugleich höchst komplexen Äußerungsform schreibt sich der Künstler in einen öffentlichen Diskurs ein, der, wie er wiederholt deutlich macht, den Stellenwert von Kunst innerhalb eines von Politik und Ökonomie bestimmten Gesellschaftssystems deutlich macht. Allerdings beansprucht Perjovschi keine Deutungshoheit für sein Werk. Im Gegenteil ist es geradezu dafür prädestiniert, unter unterschiedlichen Blickwinkeln erfasst und verstanden zu werden. Eine solche Auseinandersetzung mit dem Werk des Künstlers begründet sich aus ihrem reaktiven, orts- und zeitspezifischen Ansatz.

Den Wandzeichnungen, die Perjovschi seit den frühen 1990er Jahren im öffentlichen und halböffentlichen Raum in den Museen westlicher Länder ausgeführt hat, geht eine Entwicklung voraus, die sich mit der Biografie des Künstlers im repressiven System Rumäniens verknüpft, die aber wesentlich die Besonderheit der Zeichnungen und ihrer Genese begründet.

Dan Perjovschi. Autodrawing, 2003
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Licht, Luft, Papier und Wand – Arbeiten mit dem Raum oder Fritz Balthaus‘ Poststudio

1982 erscheint ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Nichtssagender Titel“. Autor ist der Künstler Fritz Balthaus, dessen buchkünstlerischen Publikationen sich keineswegs auf den Nichtssagenden Titel beschränken, vielmehr dieser erst den Anfang eines umfangreichen Oeuvres bildet, zu dem etliche weitere Auseinandersetzungen mit dem Buch und seiner Wesenhaftigkeit gehören. Solche Reflexion des Buches erfolgt unter anderem mittels der Publikationen anderer Autoren, wie etwa dem beim Merve Verlag erschienen Titel Die Weiße Zelle, der deutschen Übersetzung von Brian O’Dohertys 1976 erschienenem Essay The White Cube. Indem Balthaus den Titel durch einen geringfügigen Eingriff manipuliert, macht er sich das Buch zu eigen. Aus „Zelle“ wird „Zeile“ und mit Blick auf die nun weiße Zeile sind alle im Buch auftretenden Zeilen als weiß vorzustellen. Konkret heißt das, dass das Buch leer scheint, dafür aber aufnahmebereit für jeden beliebigen Inhalt. Der solchermaßen leer erscheinende Raum im Buch erweist sich als Äquivalent des als „White Cube“ bezeichneten neutralen Ausstellungsraumes, wie ihn O’Doherty zum Gegenstand seines Textes genommen hat.

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Der Skandal und die Folgen. Ein Podiumsgespräch im Nachgang zur documenta 15 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main

Viola Hildebrand-Schat

Während der documenta 15, der weltweit größten zeitgenössischen Kunstausstellung, haben israelfeindliche und antisemitische Positionen eine zentralen Auftritt gehabt. Eine erster Ausgangspunkt – zumindest für die von der Presse angestoßenen Diskussion – war ein am Friedrichsplatz installiertes Banner der Gruppe Taring Padi. In dem großformatigen Wimmelbild war deutlich antisemitistische Ikonografie auszumachen. Was sich die Aussteller dabei gedacht hatten, blieb bis zum Schluss offen. Dass die Installation der Arbeit weder unbedacht geschah noch ohne Wissen um die Brisanz der Darstellung geschah, muss angesichts der Tatsache, dass die Arbeit erst nach der Pressekonferenz und nach dem offiziellen Eröffnungsakt sichtbar wurde, unterstellt werden. Bereits diese Verzögerung der Veröffentlichung hätte eine Erklärung wünschenswert sein lassen. Doch blieb sie aus, ebenso wie das Banner schnell abgehängt wurde, anstatt zum Anlass für eine offen zwischen Kuratoren und Publikum geführten Diskussion genutzt zu werden. Zuvor war dramatisch mit einer schwarzen Folie kaschiert worden – eine Geste, mit der die Kuratoren ihrer Betroffenheit über das Unverständnis Ausdruck verleihen wollten. Oder ging es dabei noch um etwas anderes? Dabei wäre eine Auseinandersetzung mit und angesichts des Bildes– so Wenzel – nicht nur wünschenswert, sondern absolut notwendig gewesen. Gerade diese eine Arbeit hätte die Vorlage für das Kuratorenteam liefern können, sich zu erklären, Stellung zu nehmen und so möglicherweise die die gesamte documenta überschattenden Angriffe verhindern können.

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Onkel Wanja von Anton Tschechow

Schauspiel Frankfurt, Regie: Jan Bosse

Sicher zählen die Stücke von Anton Tschechow zu den Klassikern der Bühne. Gerade das Schauspiel Frankfurt bringt mit Regelmäßigkeit das eine oder andere zur Aufführung. Vordergründig scheinen Langmut, wenn nicht gar das sich in Langeweile erschöpfende Leben des wohlhabenden Bürgertums im Vordergrund zu stehen. Die Stücke von Tschechow fokussieren vornehmlich Aufenthalte auf den Landgütern während der langen Sommermonate. Die Anwesen dienen als Rückzugsort und bieten eine dem Leben in der Stadt entgegengesetzte Atmosphäre der Entspannung und Idylle. Doch scheinen die Protagonisten wenig von den Möglichkeiten auf dem Lande zu profitieren.

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Saodat Ismailova: Bibi Seshanbe

Die Diskussionen um die documenta scheinen sich nicht beruhigen zu wollen. Nach wie vor fokussieren sie antisemitische Positionen, ohne jedoch dabei sonderlich in die Tiefe zu gehen, verschiedenen Sichtweisen einander gegenüberzustellen und dem Blickwinkel der Kuratoren Raum zu geben. Sicher habe auch die Kuratoren der documenta wenig dazu beigetragen, ihr Auffassung zu erhellen und den Gebrauch einer Symbolik, die die Diskussionen ausgelöst hat, ausreichend zu erläutern. Absehbar wird es in dieser Diskussion keine abschließende Klärung geben und wohl auch kein Ausloten unterschiedlicher Sichtweisen. Schade ist nur, dass den vielen wenig fruchtbar geführten Diskussionen die auf der documenta ausgestellten Werke zum Opfer zu fallen drohen. Kaum wird über sie gesprochen, über sie geschrieben. Mögliche Interessenten der documenta fragen sich inzwischen, ob sich der Besuch der Weltkunstausstellung nun in diesem Jahr tatsächlich lohne oder ob man sich die Reise nach Kassel ersparen könne.

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Alle sprechen über die documenta fifteen, keiner redet über die Kunst

Nachdem die diesjährige documenta schon im Vorfeld zu allerhand Spekulationen Anlass gegeben hat, überschlagen sich nun die Kommentare, scharfe Kritik und Vorwürfe gegenüber den Organisatoren und Verantwortlichen dominieren jedes Gespräch, jeden Bericht über die documenta. Die Kunst, die reichlich vertreten ist, scheint darüber gänzlich unterzugehen. Dabei bietet gerade diese ein umfassendes und abwechslungsreiches Programm. Die in den verschiedenen Künstlerkollektiven aktiven Künstler werden sich im Verlaufe der 100 Tage documenta ablösen und dabei jeweils neue Positionen eröffnen.

Tolookat wird den Wechsel über den Verlauf der documenta hin verfolgen und über die künstlerischen Positionen berichten. Ein erster Blick gilt Nino Bulling, der in der Hafenstraße seine neuste Graphic Novel Abfackeln vorstellt. (siehe hier auf tolookat / Rubrik Bücher)

Cholin 100. Eine Werkauswahl in 3 Teilen

Die Rezeption einiger vergessener Dichter aus der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts erfolgte nach 1990 allmählich. Bekannt wurden Namen, die im Stalinismus systematisch ausgelöscht worden waren und darüber mehr oder weniger in Vergessenheit geraten waren, darunter Daniil Charms, Aleksandr VVedenski oder Vsevolod Nekrasov. Weniger Beachtung fanden im Zuge der Neuentdeckung andere, wie Genrich Sapgir oder Igor Cholin. Letztere gehörten einem Kreis an, der als Lianosovogruppe, der zu Sowjetzeiten eine kleine Gruppe von Literaten und Künstler umfasste, die sich in dem unweit Moskaus gelegenen Ort Lianosovo im Umkreis von Oskar Rabin zusammenfanden.

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