Nach dem Schrei

© Christian Rothe

Zülküf Kurt

Jeder öffnet ein neues Fenster im Leben. Einige von uns schauen durch dieses Fenster, ohne sich jahrelang zu langweilen. Einige von uns mögen nicht, was von unserem Fenster aus gesehen wird. Einige von uns wollen ändern, was sie sehen. Meistens wissen wir nicht, wie weit wir in die Welt aus dem Fenster stehen, und wir sind nicht diejenige, die bestimmen, wo wir stehen sollen. Es gibt aber solche, die uns mit Farben erzählen, was sie durch das Fenster sehen. Einer von ihnen ist Ulrike Theusner. Ihre Zeichnungen, die verschiedenen Techniken, die sie anwendet, und die Tatsache, dass sie immer noch auf der Suche ist, lassen sie unter seinen Zeitgenossen einen Schritt voraus sein.

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Pteroptyx Tener oder das Glühwürmchen als Bildgegenstand bei Grimonprez

© Courtesy of the artist and Galerie Anita Beckers

Viola Hildebrand Schat

Der in Trinidad geborene, heute in Gent lebende Johan Grimonprez ist hierzulande kein Unbekannter, war er doch 1997 auf documenta X vertreten. Charakteristisch für Grimonprezs Arbeiten sind sowohl intermediale Verschränkungen wie auch eine fundierte Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Fragen. Dabei stellt er grundlegende Wahrnehmungsweisen zur Disposition, nicht zuletzt auch den immer wieder hervortretenden eurozentristischen Blick.

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Die Sprache der Form und des Materials

Martine Andernach, Dietz Eilbacher und Hans Steinbrenner im KunstRaum Bernusstraße

Skulpturale Arbeiten haben dem Betrachter immer schon mehr abgefordert als Gemälde, allein schon deshalb, weil sie sich in den Raum einbinden und mit ihrer räumlichen Umgebung korrespondieren. Für den Betrachter heißt das, dass er sich auf die Raumsituation einlassen, dass er sich selbst im Raum und in Beziehung zum Werk verorten muss, das aber nicht von einem einzigen Standpunkt aus kann, vielmehr seinen Blickpunkt mehrfach verändern muss. Hinzu kommt, dass gerade bei der modernen und zeitgenössischen Skulptur Form und Material an sich ikonographische Implikationen dominieren. Das Wesen des Werkes erschließt sich über seine Form im Verhältnis zum Umraum und dem Licht, was wiederum durch die Oberfläche wesentlich mitbestimmt wird.

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Kartographie einer Reise

Vom Sammeln und Erinnern als künstlerisches Konzept

Sigrid Sigurdsson, gleichwohl von der Kunstgeschichte immer noch viel zu wenig beachtet, ist keine Unbekannte. Seit nun zwanzig Jahren befindet sich im Historischen Museum Frankfurt eine ihre raumgreifenden Installationen, wie sie unter der Bezeichnung „offenes Archiv“ international Aufmerksamkeit erregt haben. Braunschweig, Danzig oder Sutthof in Polen sind nur einige Orte, an denen die Künstlerin offene Archive eingerichtet hat. Es sind Orte, an denen Erinnerungen gesammelt werden – und zwar durchaus handgreiflich. Die hier zusammengetragenen Erinnerungen manifestieren sich in Gegenständen des Alltags, des persönlichen Gebrauchs, in Fotografien, Bilder und Aufzeichnungen aller Art.

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Mephisto: Alles, was in der Stille wächst

© Arno Declair

Zülküf Kurt

„Ich muss, muss, muss berühmt werden.“

Klaus Mann, Tagebucheintrag

Klaus Manns im niederländischen Exil 1936 verfasster Roman Mephisto tritt in diesen Tagen in dramtisierter Form im Schauspiel Frankfurt vor das Publikum. Trotz der Corona-Pandemie zieht das Stück, das am 3. Oktober seine Premiere hatte, große Aufmerksamkeit auf sich.

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Durch die Augen des Fotografen

Der Fotojournalist Kai Pfaffenbach zeigt auf einer Ausstellung im Leica Store in Frankfurt einige seiner Arbeiten. Pfaffenbach, der viele Jahre als Fotojournalist tätig war, zeigt Fotografien, die er von 1998 bis 2017 in verschiedenen Ländern, u. a.  Afghanistan, Bolivien, Kurdistan (Nordsyrien), USA und Deutschland aufgenommen hat, darunter eines, dass den berühmten Läufer Husein Bolt zeigt. Mit dieser Arbeit erhielt Pfaffenbach 2017 den 3. Platz beim „World Press Photo Award“. Alle Aufnahmen werden sowohl digital wie auch analog gezeigt. Die Ausstellung geht bis zum 7. November 2020. toLookAt

Revival einer individuellen Mythologie

Viola Hildebrand Schat

Entwürfe eigener Lebenswelten haben von je her Eingang in die Kunst gefunden. Sie sind so unterschiedlich wie die Beweggründe, die sie hervorbrachten. Doch spätestens seit der Documenta V, wo Harald Szeemann als Generaldirektor diesen künstlereigenen Lebenswelten unter der Rubrik „Individuelle Mythologien“ einen eigenen Platz einräumte, haben die künstlereigenen Welten auch Akzeptanz in der Kunstwelt gefunden. Der Weg zur Anerkennung ist allerdings lang und keineswegs so selbstverständlich, wie das vom heutigen Standpunkt aus scheinen mag. Wo ließe sich schließlich die Grenze zwischen Art brut, Kunst von Außenseitern oder gar Kunst von Geisteskranken ziehen – insbesondere dann, wenn es keine inhaltlichen oder formalen Abgrenzungen zu den Fantasien sanktionierter Künstler gibt?

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Vergiss nicht, was passiert ist!

© Schirn Kunsthalle Frankfurt

Zülküf Kurt

“Entweder ist er tot, oder meine Uhr hat aufgehört”

Groucho Marx

Das Zitat von Groucho Marx, Wortführer der Marx Brothers, steht wie ein Motto über der aktuellen Ausstellung des iranischen Künstlerkollektivs in der Schirn Kunsthalle. Zu sehen sind Werke von Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian. Entstanden ist die Installation in ihrem Haus in Dubai, doch das Themenfeld ist weit gefasst. Die Künstler schlagen den Bogen von einer durch Krieg und Unruhen erschütterten Region in die Welt der Kunst. Groucho Marx’ Ausspruch ‚“Entweder ist er tot, oder meine Uhr hat aufgehört“ ist zugleich der Titel einer Installation, in der sich vielschichtige Erzählungen verflechtet: der Iran-Irak-Krieg, das Vergessen des Leidens während und nach dem Krieg, Flucht und all die mit der Migration verbundenen Probleme, nicht zuletzt auch das Erinnern und das Vergessen. All dies sind Themen, die auf die aktuellen Probleme reagierend, sich zu nahezu absurd anmutenden Erzählungen formen, die in Videos als visuelle Collagen hervortreten. In Erinnerung gebracht werden aber auch die Revolution im Iran und der Fall Saddam Husseins.

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Die Physiker am Schauspiel Graz

Viola Hildebrand Schat

Die Handlung von Dürrenmatts 1961 entstandenen Stücks ist hinlänglich bekannt. In einer Nervenheilanstalt begegnen sich Johann Wilhelm Möbius, Herbert Georg Beutler und Ernst Heinrich Ernesti, die sich alle drei nicht nur als Kernphysiker ausgeben, sondern zudem auch noch diese vorgebliche Identität mit weiteren überblenden – ein Täuschungsmanöver, mit dem sie ihre unmittelbare Umgebung und die Menschheit außerhalb der Psychiatrie irrezuführen suchen.

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